Hinter den Kulissen des Smart-Beta-Trends

Smart-Beta ist derzeit in aller Munde. Doch dadurch leidet oftmals die Einfachheit der ETF. Hector McNeil von WisdomTree Europe beleuchtet Chancen und Risiken des Trends.

Text: Rino Borini

Vor einigen Jahren stand das Thema Kostensenkung im Fokus, dann kamen währungsgesicherte und Smart-Beta ETF auf. Was ist der nächste grosse Trend?

Ich bin überzeugt, dass wir weiterhin ein starkes Wachstum im Smart Beta-Bereich sehen werden. Und es ist die Gelegenheit für ETF im vollen Umfang ihre Stärken im Vergleich zu aktiv verwalteten Fonds zu zeigen. Im Wesentlichen geht es darum, dass ETF in unterschiedlichen Marktphasen sehr viel kosteneffizienter passives Alpha generieren können, als dies bei Investmentfonds der Fall ist.

Warum?

Smart Beta-ETF sind ganz einfach besser aufgesetzt. Sie liefern höhere Liquidität und Transparenz bei einer kosteneffizienteren Kostenstruktur. Für mich entsprechen die Produkte einem digitalen Flatscreen, während aktive Anlagefonds eher einem analogen Schwarzweiss-Fernseher gleichkommen. Im Zeitablauf werden ETF wahrscheinlich alle heute verfügbaren Produkte im Asset Management abdecken können. Dies wird über das gesamte Spektrum von Aktiv bis Passiv der Fall sein.

Doch durch die Smart-Beta Strategien. wird es für Anleger zunehmend komplexer sich zu orientieren. Geben Sie mir Recht?

ETF sind sehr demokratische Produkte und jeder Anleger der Zugang zur Börse hat, kann diese Vehikel handeln und in sie investieren. Das bedeutet, dass ETF für unterschiedliche Anlegertypen, also sowohl für Privatanleger wie auch für professionelle Investoren, geeignet sind. Wichtig ist aber, dass jeder Investor sich zu 100 Prozent bewusst ist, in was er investiert.

Und hier liegt doch die Krux. Smart-Beta-Produkte sind nicht immer sehr einfach.

Diese Strategien können einfach aber auch komplex strukturiert sein, da gebe ich Ihnen Recht. Bei WisdomTree spezialisieren wir uns auf dividendengewichtete und währungsabgesicherte ETF. Beide Produktenarten sind relativ unkompliziert und leicht zu verstehen. Insbesondere in einem Niedrigzinsumfeld sind Dividenden-Strategien einen der effizientesten Wege um eine solide Rendite zu erzielen. Unser Emerging Markets Equity Income ETF erreichte eine Bruttorendite von 6,7 Prozent auf Jahresbasis. Die Kosten lagen dabei nur bei 0,46 Prozent.

Ich sage, wenn ein Produkt nicht in fünf einfachen Punkten erklärt werden kann, hat es keine Berechtigung. Das ist nicht mehr mit jedem Produkt zu schaffen. Wie sehen Sie das?

Diese Aussage macht durchaus Sinn. Allerdings sind fünf einfache Argumente eher dazu da, dass Interesse an einem Produkt zu wecken. Anschliessend stellen sich für einen Anleger im Rahmen seiner Due Dilligence auf Produkt-und Anbieterebene unzählige Fragen. Wie ich bereits erwähnt habe, ziehen wir einen Dividenden-gewichteten einem nach Marktkapitalisierung aufgesetzten Index vor. Unsere Hypothese ist relativ simpel und kann mit einigen wenigen Argumenten erklärt werden.

Und wie lauten diese Argumente?

Dividenden dienen als solide Grundlage bei der Unternehmensbewertung. Wir glauben, dass diese Grundlagen eine bessere Messgrösse für den Zustand, den Wert und letztlich für die Rentabilität einer Firma sind als der Aktienpreis alleine. Dividenden haben theoretische und praktische Bedeutung bei der Festlegung des Aktienpreises. Letztlich ist der Dividendenfluss ein objektiver und transparenter Wertmassstab und unabhängig von Bilanzierungsregeln.

Dividenden sind ja ein wichtiger Treiber der Aktienkurse, richtig?

Absolut, sie haben einen wichtigen Einfluss auf Rendite und Ertrag. Historisch bestimmen Dividenden den Grossteil der realen Renditen an den Aktienmärkten. Gegenüber klassischen, nach Marktkapitalisierung gewichteten Indizes bieten dividendengewichtete Indizes zwei Vorteile. Erstens, dank seinem Übergewicht in Unternehmen mit höheren Dividendenhöhere sollte der Index eine höhere Rendite abwerfen. Zweitens, nach unserem Verständnis ist ein klassischer Index definitionsgemäss in überbewerteten Aktien übergewichtet und in unterbewerte untergewichtet.

Ist nicht die Gefahr, dass durch die zunehmende Komplexität, der Anleger auf ein falsches Pferd setzt und es dann zu Kritiken kommt, wie damals in der Struki-Branche?

Der Grundgedanke eines ETF besteht darin, dass er an der Börse gehandelt werden kann. Zahlreiche Market Maker stellen den Handel sicher. Das bedeutet, dass die Preisgestaltung nach dem Fair and True Prinzip erfolgt. Fehlbewertungen werden ausgeschlossen, indem diese innert Millisekunden arbitragiert werden. Dies im Unterschied zu strukturierten Produkte und Investmentfonds, bei denen die Preisgestaltung intern und ohne Arbitrage-Möglichkeit vonstattengeht. Damit werden die Komponenten der ETF täglich allen Marktteilnehmern bekannt gegeben. Kurz gesagt, Transparenz bedeutet, dass die Produkte für alle offen und verständlich sind. Dies trifft für andere Produktgefässe nicht in diesem Masse zu.

Nochmals, einige Strategien sind nicht einfach. Der Anleger ist überfordert, nicht?

Natürlich sind einige Produkte komplexer als andere. Es ist die Aufgabe des Beraters zu beurteilen, ob ein Produkt für den Kunden geeignet ist. Damit kann vermieden werden, dass ein Kunde in Produkt investiert, das er nicht versteht und das für ihn nicht geeignet ist. Dies ist ein weiterer Schutzmechanismus und eine Verpflichtung des Vermögensverwalters, bei Bedarf den Kunden zu schulen.

Es kommen immer wieder Kritiker auf, die ein Ende dem ETF-Wachstum voraussagen. Wie sehen Sie das?

Die Mittelzuflüsse in ETF halten an und bei aktiven Fonds sehen wir Nettoabflüsse. Ich sehe keinen Grund, weshalb das in absehbarer Zeit ändern sollte. Ich persönlich rechne damit, dass ETF in zehn Jahren weltweit 30 bis 50 Prozent der verwalteten Fondsvermögen ausmachen. Gegenwärtig machen diese Indexvehikel drei bis vier Prozent der Fondsvermögen in Europa aus. In den USA sind es bereits 15 Prozent.

Hier in der Schweiz ist das Thema ETF bei Privatanlegern definitiv nicht angekommen. Sollte die Branche hier nicht aktiver werden, denn Kleinvieh macht auch Mist.

Ja, ich denke, Privatinvestoren sind der nächste Markt für ETF-Anbieter. Neben Direktinvestitionen spielen ETF-Portfolios für dieses Segment eine entscheidende Rolle. Letztere bieten umfassendere Lösungen an als wenn Direktinvestments getätigt werden. Als einer der grössten Marktteilnehmer weltweit sehen wir es als unsere Aufgabe, die Philosophie und Tugenden von ETF gebetsmühlenartig allen Marktsegmenten und insbesondere auch Endanlegern zu kommunizieren.

Welchen Vorteil der Produkte rücken Sie dabei in den Fokus?

In erster Linie die Kosten. Meine persönliche Erfahrung als Investor ist, dass Privatinvestoren immer noch zwischen einem bis zwei Prozent für den Kauf eines Investmentfonds verrechnet wird. Dabei erhalten sie vielfach einen vordergründig aktiv verwalteten Fonds, der im Endeffekt nur einem Index folgt. Wir müssen die Anleger davon befreien und ihnen das Potenzial aufzeigen, wie man Kosten reduziert und die Performance ihrer Portfolios im Zeitablauf erhöhen kann.

Zum Abschluss: Geben sie einem Investor doch fünf einfache und kurze Ratschläge, die er bei der ETF Auswahl berücksichtigen soll.

Klar, hier meine fünf Punkteregel.

  1. Seien Sie sich klar darüber, welche Art Anlage Sie suchen, zum Beispiel ein Exposure in den USA.
  2. Prüfen Sie, welche Produkte im Angebot sind, und schauen Sie sich die Performance der ETF über verschiedene Zeiträume an.
  3. Ziehen Sie verschiedene Optionen in Betracht und vergleichen sie beispielsweise einen Plain Beta S&P 500 ETF mit einem WisdomTree US Equity Income.
  4. Machen Sie Ihre Due Diligence und prüfen Sie die Produktstruktur sowie den Anbieter, damit Sie wissen, was Sie kaufen.
  5. Machen Sie sich Gedanken, wie Sie das Produkt am effizientesten handeln können. Sehen Sie sich den zugrundeliegenden Markt an und finden Sie den effizientesten Zeitpunkt. Wenn Sie zum Beispiel einen US-Aktien-ETF handeln, warten Sie bis die US-Märkte geöffnet sind, den dann sind sie am liquidesten.

Hector McNeil, Co-CEO von WisdomTree Europe
sentifi.com

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