Kolumne
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Erwin Heri  Professor Finanztheorie, Universität Basel

Lernen Sie Finanzesisch – es lohnt sich

Akteure der Finanzindustrie, aber auch Konsumentenschützer und Regulierer fordern, sich vermehrt mit «Financial Literacy» auseinanderzusetzen.

Bei der hohen Bankendichte, die wir in der Schweiz haben, müsste das Finanzwissen breiter gestreut sein als anderorts, könnte man denken. Dem ist nicht so: Auch hierzulande müssen breite Teile der Bevölkerung passen bei Fragen nach Inflation, Risikodiversifikation oder Zinsberechnungen. Die Wissenslücken in Finanzfragen (Finanzesisch) beschränken sich nicht auf Menschen aus tiefen Einkommensschichten oder mit tiefer Schulbildung: Das Problem betrifft sämtliche Gesellschaftsschichten – und sollte dementsprechend behandelt werden.

Nicht selten ist dieses Nichtwissen dafür verantwortlich, dass Scharlatane mit wilden Träumereien immer wieder offene Türen (und Portemonnaies) vorfinden. Die Medien sind voll von (Un-)Fällen, bei denen die schiere Unfähigkeit, einfachste Fragen zu stellen und Zusammenhänge zu verstehen, zu dramatischen Vermögensverlusten, Verschuldung und nicht selten zu Schicksalsschlägen geführt hat. Dieser Problemstellung kann nicht nur mit (oder noch mehr) Regulierung und/oder Konsumentenschutz begegnet werden. Clevere Finanzhaie merken in der Regel schnell, wie mit neuen Regulierungen umzugehen ist.

Konsumenten- und Anlegerschutz beginnt bei der Abschaffung asymmetrischer Informationen oder asymmetrischen Wissens. Nicht selten nebelt brillantes Marketing die effektiven Eigenschaften von Finanzprodukten derart zu, dass der unbedarfte Adressat kaum mehr erkennen kann, ob seine Anlagebedürfnisse mit diesen adäquat abgedeckt werden.

Dabei würde in vielen Fällen bereits eine einfache Basisausbildung in Geld- und Finanzfragen zur Entwicklung eines gesunden Gefühls helfen: Was ist an den Märkten möglich, was nicht? Wo sind Gefahrenpotenziale zu orten? Eine gewisse Grundbildung trägt dazu bei, dass die adressierten Individuen die relevanten Fragen selber stellen könnten. Das ist das Ziel.

Erwin Heri sagt: Lernen Sie Finanzesisch

Finanzwissen ist unausweichlich

Mehrere Akteure sind bemüht, das wirtschaftliche und finanzielle Basiswissens der Bevölkerung zu erhöhen. Angefangen bei den Banken bis hin zu verschiedenen Medien- und Internetforen. Bei diesen ist aber oft nicht ganz klar, wie ihre Anreizstrukturen aussehen. Daneben gibt es die zahlreichen berufsbegleitenden Kurse bis hin zu universitären und nach-universitären Studien in Wirtschaft und Finanz.

Doch Financial Literacy betrifft die Gesamtbevölkerung – gerade diejenigen, die nur ein geringes Interesse an den entsprechenden Fragestellungen haben. Aber das Thema lässt sich nun einmal nicht vermeiden: Sei dies bei der ersten Kreditkarte, beim Aufbau von Sparprojekten, im Immobilienbereich oder bei der Planung der Rente. Das Ziel ist dabei nicht, dass jeder alles weiss. Hilfreich wäre es hingegen schon, wenn das Wissen soweit reicht, um die relevanten Fragen zu stellen. Aus dieser Idee ist das unabhängige Internet Start-Up fintool.ch entstanden.

Geld- und Finanzausbildung ist zunächst als gesellschaftspolitisches Thema zu verstehen. Viele der hier direkt oder indirekt andiskutierten Fragestellungen werden sich im Laufe eines Arbeitslebens bei allen irgendeinmal in irgendeiner Form stellen. Und es lohnt sich nachgewiesenermassen, sich früh genug mit den entsprechenden Themen  auseinanderzusetzen oder sie zumindest einmal anzudenken. Mit anderen Worten: Es lohnt sich, «Finanzesisch» zu können!


Erwin Heri, Professor für Finanztheorie an der Universität Basel und am Swiss Finance Institut, sowie Partner des Finanzportals fintool.ch

fintool.ch ist eine videobasierte Lern- und Nachschlageplattform auf Basis von 3-5 minütigen Kurzvideos, mit denen die Zuschauer kostenlos in praktische Themen der Geldanlage, des wirtschaftlichen Umfeldes und des generellen Umgangs mit Geld und Finanzen eingeführt werden. Die Ausbildungsplattform ist unabhängig, neutral und wissenschaftlich fundiert. Sie soll aber trotzdem in verständlicher Sprache, modern und unprätentiös daherkommen («Finfotainment»).

Der Beitrag erschien in der Verlagsbeilage «Anlegen mit Weitsicht» in der Finanz und Wirtschaft am 19.03.2016.


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  1. Finanzielle Freiheit

    Ich sehe es als sehr problematisch an, dass financial literacy nicht fester Teil des Ausbildungskurrikulums in der Schule ist. So kommt es zu gefährlichen Lücken oder noch schlimmer zu Fehlinformationen durch Werbung oder mit Interessenkonflikten behaftete Dritte. Diese gesellschaftspolitische Lücke war einer der Gründe dafür, dass ich begonnen habe einen Blog zu schreiben.

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