«Stehen die Ampeln für Aktien bald auf Rot?»

Die Euphorie an den Aktienmärkten geht weiter. Die Angst vor Kursverlusten ist in den Hintergrund getreten. Das bekannte Angstbarometer VIX fiel auf ein neues Mehrjahrestief.

Text: Adriano B. Lucatelli

Die Euphorie an den Aktienmärkten kennt zur Zeit keine Grenzen. So übersprang der Swiss Performance Index im vergangenen Monat erstmals die 10‘000-Punkte-Marke. Und der globale Aktienmarkt war im Mai mit USD 73,3 Billionen noch nie so wertvoll – oder teuer – wie heute. Die steigenden Unternehmensgewinne nähren die positive Stimmung, die sich im rekordniedrigen «Angstbarometer» VIX reflektiert.

Börsenkollaps

Doch wie lange währt der Boom an den Aktienmärkten noch? Die Bewertung befindet sich auf einem historischen Hoch. Nimmt man die bekannten Kennzahlen aus der Vergangenheit zur Hand deutet vieles auf schlechtes Wetter hin. Ein Börsenkollaps steht jedoch nicht vor der Tür, auch dank geldpolitischer Massnahmen der Zentralbanken, die die Zinsen weiterhin künstlich niedrig halten. Bis Ende Jahr werden die EZB, die Bank of Japan und andere Notenbanken monatlich Anleihen im Umfang von USD 180 Mrd. kaufen. Und für grosskapitalisierte Börsentitel – vor allem in der Schweiz – ist die Risikoprämie zu zehnjährigen Staatsanleihen zu hoch, weshalb gerade Blue Chips weiter an Wert zulegen werden. Momentan scheint es auch unwahrscheinlich, dass die hohen Erwartungen an die globale Wirtschaftsentwicklung nicht erfüllt werden könnten.

Im Fokus der Anleihemärkte steht der 14. Juni. Dann wird die nächste Zinserhöhung in den USA erwartet. Es zeichnet sich also eine Verschiebung von Kredit- hin zu Zinsrisiken ab. Doch die Zinsschritte dürften insgesamt eher moderat ausfallen, wenn man dem kürzlich veröffentlichten Sitzungsprotokoll des Federal Open Market Commitee (FOMC) der US-Zentralbank Glauben schenken möchte.

Bei den Devisenmärkten erwarten wir ein Erstarken des US-Dollars. Zwar haben Macrons deutlicher Sieg, das mögliche Amtsenthebungsverfahren gegen Donald Trump sowie das «taubenhafte» FOMC-Protokoll den Greenback zwischenzeitlich unter Druck gebracht. Doch die US-Valuta dürfte wieder an Boden gutmachen. Tatsächlich sind die längerfristigen Chancen in den USA weiterhin vergleichsweise besser als im Euroland, das die politischen Spannungen noch nicht ausgesessen hat. Der Preis des Euro ist nach den jüngsten Avancen als eher teuer einzuschätzen.

Der Erdölpreis wird sich weiterhin in engen Banden bewegen. Obwohl die Organisation erdölexportierender Länder (Opec) die Begrenzung der Fördermenge um weitere neun Monate verlängert hat, haben die Märkte skeptisch darauf reagiert. Zum einen wurde diese Verlängerung erwartet, zum anderen haben die US-Produzenten ihre Öl-Menge weiter erhöht. Vor diesem Hintergrund gehen wir davon aus, dass die steigende US-Produktion die Notierungen in diesem Jahr weiter drücken werden. Der Ölpreis wird sich dementsprechend weiterhin niedrig halten, der Opec-Deal stellt jedoch sicher, dass er nicht zusammenbrechen wird.

Gold wird sich weiterhin in engen Banden bewegen. Solange keine Korrektur seitens der Aktienmärkte droht, wird es mit dem gelben Edelmetall kaum aufwärtsgehen. Die robusten Aktienmärkte bleiben Gift für das Gold.

*Der Ökonom Adriano B. Lucatelli ist Co-Founder und CEO von Descartes Finance, einem führenden Robo-Advisor in der Schweiz. Zudem hält er verschiedene Verwaltungsratsmandate und ist Dozent an der Universität Zürich. 

Disclaimer: Die gemachten Prognosen und Aussagen über die Finanzmärkte widerspiegeln die persönliche Meinung von Adriano B. Lucatelli zum Zeitpunkt der Veröffentlichung und können sich jederzeit verändern. Verweise auf bestimmte Wertpapiere, Vermögensklassen oder Finanzmärkte dienen nur zu Illustrationszwecken und sollten nicht als Beratung oder Empfehlung in Bezug auf den Kauf oder Verkauf von Wertpapieren verstanden werden.

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