Kolumne
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Johannes Schweifer  CEO der CoreLedger AG

Und es ward Krypto

Kolumne: Ein Mann der ersten Stunde über das Phänomen Bitcoin.

Bitcoin hat vor kurzem die Schwelle von 4000 Dollar überschritten. Als ich selbst vor einigen Jahren auf die neue Technologie aufmerksam wurde, stand der Kurs gerade einmal bei zwei Dollar. Auch das wurde zu einer Zeit, als Bitcoins noch im Keller auf Notebooks «produziert» wurden, für einen spektakulären Wucherpreis gehalten.

Wir lachten vor drei Jahren über die Gesamtmarktkapitalisierung aller Kryptowährungen von drei Milliarden Dollar. Jetzt sind wir bei grob 140 Milliarden angelangt – und keiner lacht mehr. Wir reden auch längst nicht mehr nur von Bitcoin. Seit einem halben Jahr ergiesst sich nämlich eine wahre Springflut von Nachahmern in Form von kryptographischen Tokens für sogenannte ICOs (Initial Coin Offerings) über die Anleger und verursachen ein Investment-Babel, das in der Geschichte seinesgleichen sucht.

Ein ICO ist im Wesentlichen ein Vorabverkauf von in Entwicklung befindlichen Produkten an eine interessierte Community. Ob das Produkt jemals fertiggestellt werden wird, ob es jemals den Bedarf erfüllen wird und so wie versprochen funktioniert, steht zum Zeitpunkt der Finanzierung noch nicht fest. Und doch geht es hier keineswegs um Wechselgeld, sondern um Beträge, deren kleinste Einheit die Million zu sein scheint. ICO von 100 Millionen und mehr sind keine Seltenheit.

Seit Negativzinsen und ein kaputter Bondmarkt konservative Investments ruinieren, drängt der Markt zu höherem Risiko. Bitcoin, seine zahllosen Nachahmer (sogenannte Altcoins) sowie die ICO Tokens sind willkommenes Futter. Das wird voraussichtlich noch eine Weile anhalten. Theoretisch könnte man nun aufs Geratewohl ein Dutzend Tokens aussuchen und ein halbes Jahr oder Jahr später wieder verkaufen. Allerdings lohnt es sich immer, die Produkte genau anzuschauen, statt wahllos nach dem Giesskannenprinzip zu investieren.

Die wichtige Frage lautet nämlich: Was kauft man hier eigentlich? ICO ist nicht ICO. Jedes Projekt ist individuell, jeder Token hat seine Eigenheiten. In der Mehrheit haben sie eines gemein: Man erwirbt so gut wie nie einen Anteil an einer Firma, sondern lediglich eine digitale Einheit von etwas Substanzlosem, das man sofort oder später an einer Börse handeln kann.

Einige der Tokens werden vielleicht einmal einen ähnlich hohen Gebrauchswert wie Bitcoin erhalten. So war es bei Ethereum. Wer damals investierte, hat heute das Tausendfache seiner Investmentsumme in der Hand. Erfolgversprechende Projekte zeichnen sich durch ein glaubwürdiges Team von Leuten mit Historie und Reputation aus, die bereits Erfahrung in ihrem Bereich vorzuweisen haben und nicht plötzlich aufgetaucht sind.

Der digitale Token sollte nicht nur zum Zwecke der ICO-Durchführung geschaffen worden sein, sondern auch nach dem Go-Live noch einen Sinn haben. Und idealerweise sollte ein Konzept zur Diversifizierung der kryptografischen Vermögenswerte vorhanden sein, denn hunderte Millionen Dollar in (beispielsweise) Bitcoin können morgen bereits nur noch die Hälfte wert sein.

Im Grunde gilt: Wer seinem Bauchgefühl folgt und in Dinge investiert, die er versteht, oder sich die Mühe macht, genauer nachzufragen, statt sich in jedes angebotene Projekt einzukaufen, der hat grössere Chancen, am Ende auf der Gewinnerseite zu stehen. Das zum Risiko strebende Marktumfeld scheint zusammen mit dem durchaus realistischen Versprechen von technologischen Revolutionen zwar viele Regeln ausser Kraft gesetzt zu haben – die Schwerkraft allerdings existiert immer noch.

Johannes Schweiffer ist CEO der CoreLedger AG


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