Zwischen Hoffnung und Ungewissheit

Der Anlageexperte Peter Bänziger blickt auf die Finanzmärkte. Er geht davon aus, dass weitere Zinssteigerungen in den USA folgen werden und hält im aktuellen Umfeld nichts von langlaufenden Staatsanleihen.

Text: Pascal Hügli

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Herr Bänziger, wie beurteilen Sie die Lage an den Märkten?

Die Wachstumsperspektiven der globalen Wirtschaft sind besser als vor einem Jahr, wir sehen in allen relevanten Ländern eine homogene Verbesserung der Konjunkturindikatoren. So beispielsweise bei den Einkaufsmanagerindizes, die gute Vorlaufindikatoren für die Wirtschaftsaussichten sind.

Von welchen Ländern sprechen Sie?

Von den USA, wo der Arbeitsmarkt wieder nahe an der Vollbeschäftigung steht, oder China, das nach wie vor einen signifikanten Beitrag zum Wirtschaftswachstum beitragen wird. Auch in der Schweiz und Deutschland sehen die Konjunkturstellen der Zukunft positiv entgegen.

Ist diesen Fundamentaldaten angesichts politischer Verzerrungen überhaupt noch zu trauen?

In der Tat gibt es Verzerrungen. So führen beispielsweise die künstlich tiefgehaltenen Zinsen zu geringen Refinanzierungskosten, günstigen Investitionen und preiswerten Mergers & Acquisitions, was die Unternehmensgewinne stark ansteigen liess. Letztere beeinflussen wiederum Aktienmärkte.

Stützen wir uns auf unzuverlässige Daten?

In gewisser Weise schon, aber extreme Verzerrungen führen immer zu starker Überreaktion der Märkte. Je mehr ein Gummiband gezerrt wird, desto ruckartiger ist dessen Kontraktion. Bei verzerrten Märkten ist es ähnlich: Je grösser die Verzerrung, desto heftiger die Reaktion. Aber auch wenn es zu dramatischen Überreaktionen kommt, pendelt sich die Marktsituation wieder auf ein ökonomisches Gleichgewicht ein.

Die Wahlen in Europa könnten für weitere Unruhe sorgen. Was ist der denkbar schlechteste Ausgang für die Märkte?

Die Wahl Marine Le Pens zur Staatspräsidentin Frankreichs hätte sicher stark negative Auswirkungen auf die Märkte. Der «Grande Nation» wäre das Mandat gegeben, aus der Europäischen Untion auszutreten. Diese grosse Unsicherheit würde auch die Finanzmärkte tangieren.

Kann ich mich als Anleger gegen dieses Szenario schützen?

Man kann seine Aktien absichern. Zurzeit ist das sogar relativ günstig, weil die Volatilität, welche in die Preise von Optionen einfliesst, gering ist. Der Kauf von Put-Optionen als Absicherung wäre jedoch eine taktische Massnahme und keine permanente Strategie.

Was würde mit den Märkten geschehen, wenn die EU auseinanderbrechen würde?

Die Rückumstellung würde allen Marktteilnehmern hohe Kosten aufbürden und die Transaktionskosten um einiges erhöhen. Zu hoffen wäre das Gegenteil. Hoffen darf man immer. Und vielleicht ist diese Hoffnung nicht ganz unbegründet. Mit dem Brexit, so denken einige Akteure, hat sich Grossbritannien ins Elend gestürzt. Kürzlich war ich jedoch in London und wer das Gefühl hat, dort herrsche Katerstimmung, irrt. London boomt.

Wie sind die jüngsten US-Zinserhöhungen einzuordnen?

Das Fed hat sich absolut logisch verhalten. Das positive Wirtschaftswachstum wurde dazu genutzt, die Zinsen bislang in zwei Schritten um wenige Basispunkte anzuheben. Es gilt als relativ sicher, dass 2017 zwei weitere Zinssteigerungen folgen werden.

Sind Zinserhöhungen nicht eher schlecht für Aktienkurse?

In einer ersten Phase sind Zinserhöhungen von positiven Meldungen aus der Wirtschaft begleitet. Wenn man in der Geschichte zurückschaut, wird es dann problematisch, wenn Zinssteigerungen zu schnell kommen und sich die Wirtschaftsteilnehmer nicht darauf einstellen können. Dann kollabieren die Aktienmärkte. Steigende Zinsen haben grundsätzlich zur Folge, dass Aktien in ihren Bewertungsmodellen gegenüber den Obligationen teurer werden.

Ist ein dauerhafter Zinsanstieg angesichts hoch verschuldeter Staaten überhaupt noch möglich?

Alles ist möglich. Nur wird man einen Anstieg politisch nicht wollen. Wir gehen davon aus, dass man für 10-jährige Treasury Bonds in absehbarer Zeit wieder drei Prozent und für 10-jährige Bundesanleihen ein Prozent erhalten wird. Die Renditen der Obligationen der Eidgenossenschaft werden sich zeitlich verzögert ebenfalls aus dem Negativbereich lösen. Einen massiven und raschen Zinsanstieg halten wir jedoch für unwahrscheinlich.

Wo sehen Sie am ehesten eine Blasenentwicklung?

Die am meisten überwertete Anlageklasse sind langlaufende Staatsanleihen. Dort stimmt das Rendite-Risiko-Verhältnis tatsächlich überhaupt nicht mehr.

Wie hat das derzeitige krisensichere Portfolio auszusehen?

Um eine positive erwartete Rendite zu erreichen, müssen die Anleger derzeit höhere Risiken eingehen. Ein richtig krisensicheres Portfolio ist nur unter Inkaufnahme von negativen Renditen zu erreichen. Wir halten nach wie vor leichte Übergewichte in europäischen und Schweizer Aktien. Amerikanische Wachstumswerte wie Facebook, Google & Co. kann man über eine Kollektivlösung einbeziehen. Auf langlaufende Staatsanleihen sollte verzichtet werden. Besser ist, man hält Unternehmensanleihen, da die Konkursrisiken gefallen sind. Zudem sind Alternative Anlagen wie Gold und Immobilien auch von Vorteil.

Was raten Sie einer Person, die noch keine Aktien hat? Einsteigen oder eine Korrektur abwarten?

Es ist nicht schlecht, nach einem starken Markteinbruch einzusteigen. Doch gerade in solchen Situationen haben viele Leute Angst und wollen eben gerade nicht kaufen. Ich persönlich würde schon bei einer Korrektur von zehn Prozent zukaufen.

*Peter Bänziger ist Partner und Chief Investment Officer bei Belvalor. Er ist auch auf Twitter.

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