«Die kurzfristige Goldpreisentwicklung zu prognostizieren ist reine Spekulation»

Der Goldpreis im Steigflug. Doch wie lange dauert die Gold-Party noch an? Wir haben beim unabhängigen Vermögensexperten Christoph Offenhäuser nachgefragt.

Text: Rino Borini

Christoph Offenhäuser

Gold notiert derzeit über 1500 Dollar je Unze. Das letzte Mal stand der Unzenpreis vor rund sechs Jahren auf diesem Niveau. Gold hat inzwischen wieder richtig an Fahrt aufgenommen, insbesondere seit Juni. Geht es so weiter oder nur so ein Sommermärchen?

Der scharfe Kursanstieg der letzten Monate mag für Schlagzeilen gut sein. Das Umfeld für steigende Notierungen hat sich jedoch schon länger abgezeichnet. So wie sich die Lage an den Märkten heute präsentiert, ist tendenziell mit einer Fortsetzung dieses Trends zu rechnen.

Ist der Preisanstieg primär den diversen Krisenherden auf dieser Welt, abkühlende Wirtschaft und Handelskrieg zwischen USA und China, zuzuschreiben oder sehen Sie noch andere Gründe?

Zentraler Treiber für den Goldpreis ist die eher dramatische Kehrtwende der amerikanischen Geldpolitik. Im Dezember 2018 signalisierte Fed Chairman Powell ein Ende der «Normalisierung» der Zinsen. Im Juli 2019 folgte die erste Zinssenkung und die Märkte gehen von weiteren Schritten aus. Weltweit sind die Zinsen im Sinkflug, mit zum Teil bizarren Auswüchsen. Die 0.5 Prozent Anleihe der Eidgenossenschaft mit Laufzeit 2058 rentiert -0.4 Prozent. Das macht Gold zum sicheren und günstigen Hafen. Die geopolitischen Spannungen sind dann noch das Tüpfelchen auf dem i.

Soll man sich als Anleger überhaupt darüber freuen? Gold ist sozusagen ein Sicherheitsanker im Depot, auch eine Art Fiebermesser für die Weltwirtschaftslage. Die sieht ja eigentlich nicht so rosig aus.

Nein, Grund zur Freude gibt es keinen. Tatsächlich signalisiert der Fiebermesser «erhöhte Temperatur». Falls global ein richtiges Fieber, beispielsweise in der Gestalt einer Rezession in USA und Europa ausbricht, dann kompensiert der steigende Goldpreis die Verluste, beispielsweise auf Aktienanlagen, nur bedingt.

Als Anleger fragt man sich nun: Wars das schon oder jetzt erst recht?

Die kurzfristige Preisentwicklung zu prognostizieren ist reine Spekulation. Eine Konsolidierung ist jederzeit möglich.

Werden wir, ähnlich wie 2011, ein Rally sehen? Im Juli 2011 knackte der Unzenpreis die Marke von 1500 Dollar und ging dann rasch auf 1900 Dollar.

Dieses Szenario ist durchaus möglich. Das Verhalten der Zentralbanken wird entscheidend sein, ob es soweit kommt oder nicht. Wenn die EZB im September drastische Schritte einleitet, der Brexit unkontrolliert erfolgt und die FED rascher als erwartet die Zinsen senkt, dann könnten die 1’900 Dollar zügig geknackt werden.

Empfehlen Sie Investoren Gold im Portfolio zu haben und wenn ja, wie am besten? Goldminen? Gold-ETF oder was empfehlen Sie?

Ja, Gold in der Asset Allocation zu berücksichtigen macht Sinn. Über die taktische Gewichtung kann man diskutieren, denn die Phasen rückläufiger oder stagnierender Preise können lange andauern. Für die meisten Anleger sind physisch hinterlegte ETF wie jener der UBS (TER 0.23% p.a.) erste Wahl. Investoren, die grössere Bestände halten, sollten jedoch physisches Gold bevorzugen.

Nebst klassischen Goldinvestments, können auch Goldminen aber auch andere Metalle wie beispielsweise Silber von Kurssteigerungen profitieren. Ihre Meinung?

Wer eine ganz starke Meinung zum Goldpreis hat, kann durchaus (temporär) Goldminen der allgemeinen Aktienquote beimischen. Die Goldminers haben einen gewaltigen Hebel. Während der Goldpreis seit September 2018 um 28 Prozent gestiegen ist, legte z.B. der iShare Gold Producers um 74 Prozent zu. Die Wirkung entfaltet sich allerdings auch in die andere Richtung und langfristig betrachtet, sind die Goldproduzenten eigentliche Kapitalvernichter. Das Minengeschäft ist riskant, kapitalintensiv und geographisch häufig in problematischen Ländern angesiedelt. Das macht es für die Industrie schwierig, nachhaltige Renditen zu erwirtschaften.

Zu Silber haben wir keine explizite Meinung. Die Preisentwicklung ist spekulativer und volatiler. Es ist jedoch anzunehmen, dass sich das Metall im Schlepptau von Gold ähnlich entwickelt.

Ein Schweizer Anleger denkt in der Regel in Franken, Gold notiert in Dollar. Sollte man ein Produkt mit integrierter Absicherung kaufen?

Langfristig lohnt sich eine Goldanlage in Franken ohne Absicherung. Über die letzten 20 Jahre beispielsweise verteuerte sich das Edelmetall um 6.9 Prozent p.a. in Franken. Das schlägt sogar die Rendite des Swiss Performance Index (+4.85% inkl. Dividenden).

Doch die Kosten der Absicherung nagen an der Rendite.

Währungsabsicherung geht zu Lasten der Rendite, das ist richtig. Entscheidend für die Kosten ist die Zinsdifferenz und die beträgt zur Zeit fast 3% p.a. – Die Absicherung ist also recht teuer. Wenn man bedenkt, dass sich der USD seit 2012 in einem Band zwischen 0.90 und 1.00 zum Franken befindet, wird klar, dass sich eine Absicherung nur bei der Erwartung eines drastischen Kurszerfalls der US Valuta lohnt.

Wagen Sie eine Prognose? Wo steht der Kurs Ende Jahr?

1’590 USD

*Christoph Offenhäuser ist Gründungspartner des unabhängigen Vermögensverwalters Weissenstein & Partner AG.


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