Die lang unterschätzte Biotechnologie-Branche

Die jüngsten Erfolge von Biotechfirmen bei der Entwicklung eines Corona-Impfstoffes rückt die lang unterschätzte Branche in ein neues Licht. Ein Gastbeitrag von Dr. Daniel Koller liefert Einblicke in die Biotech-Branche.

Text: Dr. Daniel Koller, Head Investment Team BB Biotech
BB Biotech

Die globale Corona-Pandemie rückt den Biotechsektor ins Blickfeld der Investoren. Mit den ersten Impfstoffen, die gegen Covid-19 zugelassen werden, tritt die Branche als Akteur in Erscheinung, der eine zentrale Rolle bei der Lösung einer globalen medizinischen und wirtschaftlichen Notlage spielt. Dabei weisen die Impfstoffe, die auf der neuartigen mRNA-Technologie beruhen, eine Wirksamkeit von über 90 Prozent aus. Diese guten Ergebnisse zum Jahresende lassen berechtigterweise hoffen, dass die Weltgemeinschaft die durch COVID-19 verursachte Pandemie ab 2021 eindämmen wird.

Mittel- bis langfristig betrachtet könnten diesen Vakzinen eine Vielzahl von mRNA-Arzneien folgen. Dieser Therapieansatz ist ein Paradebeispiel dafür, wie eine neue Technologie in den Laboren von Biotechfirmen zu marktreifen Produkten entwickelt wird. Zugute kommen der Biotechbranche dabei die wissenschaftlichen Fortschritte bei der Entdeckung der genetischen Ursachen von Krankheiten. Sie haben der personalisierten Medizin den Weg geebnet.

Darunter versteht man Arzneien, deren Wirkprofil auf einen genau definierten Patientenkreis anspricht. Anhand bestimmter genetischer Charakteristika können mithilfe von Diagnostikverfahren die entsprechenden Patientengruppen definiert werden. Dies erlaubt kleinere klinische Studien, was zeit- und kostensparend ist, vor allem im Vergleich zu den breit vorkommenden chronischen Erkrankungen wie Diabetes oder Bluthochdruck.

Konsequenzen aufzeigen und handeln

Grosse Fortschritte im Sinne von marktreifen Produkten verzeichneten in den letzten Jahren auch die Krebsmedizin und die seltenen genetisch bedingten Erkrankungen, von denen manchmal nur wenige tausend Patienten betroffen sind. In der Onkologie haben in den letzten Jahren viele Therapien den Sprung auf den Markt geschafft, bei denen das körpereigene Immunsystem aktiviert wird, um die Tumorzellen zu bekämpfen. Bei Gentherapien geht es darum, erblich bedingte Defekte möglichst dauerhaft zu beheben, wie dies im Bereich von erblich bedingten Stoffwechsel- und Bluterkrankungen erfolgreich getestet wurde.

Die Kombination aus einem langanhaltenden medizinischen Vorteil und einem komplexen Herstellungsverfahren als auch eine Preissetzungsmacht führen zu einer hohen Preisbildung bei diesen Medikationen. So erzielt beispielsweise der Pharmakonzern Novartis riesige Erlöse mit seinem Gentherapie-Medikament Zolgensma, zur Behandlung einer Muskelkrankheit bei Kindern.

Rege M&A-Aktivitäten

Spätestens wenn eine Arznei mit grossem Umsatzpotenzial vor der Marktzulassung steht, ist das entwickelnde Unternehmen für Pharmakonzerne interessant. So übernahm Bristol Myers-Squibb im Oktober Myokardia, nachdem die US-Biotechfirma im Frühjahr in der zulassungsrelevanten klinischen Studie für ihr Produkt gegen erbliche Kardiomyopathien, eine Störung der Herzmuskelfunktion, exzellente klinische Resultate vorgelegt hatte. Der Kaufpreis von 13,1 Milliarden Dollar entspricht gegenüber dem letzten Aktienkurs einem Aufschlag von 61 Prozent. BB Biotech hat sich im Sommer 2018 an Myokardia beteiligt.

Diversifikation, Diversifikation

Die Zahl der Börsengänge, Zweitfinanzierungen und Übernahmen hat im zweiten Halbjahr wieder deutlich zugenommen. Es ist davon auszugehen, dass sich dieser positive Trend im neuen Jahr fortsetzen wird. Erfolgsentscheidend aus Anlegersicht ist, den Zeitpunkt des Durchbruchs einer neuen Technologie zu erkennen. Bei klinischen Fehlschlägen stellt die Börse häufig die gesamte Technologieplattform infrage, dementsprechend heftig fallen die Kursausschläge nach unten aus.

Aus diesem Grund eignen sich Einzelaktien solcher Newcomer nur sehr begrenzt als spekulative Beimischung für die Portfolios von Privatanlegern. Das aus 35 Unternehmen bestehende Beteiligungsportfolio von BB Biotech dämmt die Verlustrisiken bei einzelnen Firmen ein und eröffnet zugleich die Chance, an Erfolgsgeschichten zu partizipieren.

*Dr. Daniel Koller ist seit 2010 Head Investment Management Team der BB Biotech AG. Von 2001–2004 war er als Investment Manager bei equity4life Asset Management AG und von 2000–2001 als Aktienanalyst bei UBS Warburg tätig. Er absolvierte ein Studium in Biochemie an der Eidgenössischen Technischen Hochschule (ETH) Zürich und promovierte in Biotechnologie an der ETH und bei Cytos Biotechnology AG, Zürich.


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