Stimmrechte – Ungenutzte Macht

Die von Fondsgesellschaften kontrollierten Aktienvolumen steigen kontinuierlich, sowohl bei aktiven wie auch passiven Anlagefonds. Die dazugehörigen Stimmrechte werden jedoch nur unzureichend wahrgenommen. Für zusätzliche Kritik sorgt die wachsende Macht von Stimmrechtsberatern.

Text: Barbara Kalhammer

Die Hauptakteure an den Aktionärsversammlungen sind oft Kleinanleger, während Grossaktionäre seltene Gäste sind. Auch das Fondshaus Fidelity International nimmt in der Regel nicht an Generalversammlungen teil, sondern stimmt üblicherweise via Vollmacht im Einklang mit dem Verwaltungsrat und im besten Interesse der Minderheitsaktionäre. Ausnahmen vorbehalten: «Falls wir mit dem Vorgehen des Verwaltungsrats nicht einverstanden sind, suchen wir das Gespräch oder nehmen die Gelegenheit wahr, die Stimmrechte persönlich auszuüben, wie bei Sika im vergangenen Jahr, wo wir unseren Standpunkt an der Generalversammlung sogar öffentlich vertraten.»

Dadurch, dass Anleger immer mehr Anteile von Anlagefonds und ETF kaufen anstatt Aktien, verfügen Fondshäuser über immer mehr Stimmrechte. Das lässt die verwalteten Vermögen kontinuierlich steigen, mittlerweile sind es über 70 Billionen Dollar. Eine riesige Macht, die aber nur selten genutzt wird.

Stimmrechte oder Stimmzwang?

Durch Managementfehler wie bei Volkswagen hat die Diskussion um das Nicht-Wahrnehmen von Stimmrechten neuen Wind bekommen. Im Fokus steht Corporate Governance, die Grundsätze der Unternehmensführung. Einige Fondsunternehmen schauen den Konzernleitern genau auf die Finger. Viele Firmen befürworten sogar gesetzliche Vorschriften in diese Richtung. Die EU will Grossinvestoren mit einer neuen Aktionärsrichtlinie quasi zwingen, ihre Stimmrechte wahrzunehmen.

Doch noch ist das Zukunftsmusik. Auch in der Schweiz haben Fonds bestimmte Freiheiten, erklärt Thomas Zimmerli, stellvertretender Geschäftsführer bei der SFAMA. Gemäss deren Verhaltensregeln steht es ihnen bei Routinegeschäften frei, die Stimmrechte zu delegieren oder auf die Ausübung zu verzichten. Bei allen anderen Traktanden haben sie sie selber auszuüben oder zu delegieren mit ausdrücklichen Weisungen.

Die Umsetzung in der Praxis ist sehr heterogen. «Bei einer geringen Beteiligung werden die Stimmrechte eher vernachlässigt», sagt Zimmerli. Einige Fonds sehen es aber als zusätzlichen Service für den Anleger, die Stimmrechte in jedem Fall wahrzunehmen. Dazu zählt Ingo Speich, Fondsmanager bei Union Investment. «Die Aktionäre sind die Eigentümer – und Eigentum funktioniert nur dann, wenn Eigentümer ihre Rechte aktiv wahrnehmen und ihrer Verantwortung gerecht werden», sagte er in der Welt. Auch Allianz Global Investors sieht es als seine Verantwortung, die Aktionärsrechte der Kunden wahrzunehmen und mit den Unternehmen direkt zu kommunizieren.

Vorbildlich sind diejenigen Unternehmen, die ihre Rechte nicht nur wahrnehmen, sondern das Stimmverhalten auf ihrer Internetseite dokumentieren. Dazu zählen beispielsweise die Deutsche Asset Management und die ZKB-Tochter Swisscanto. Bei zahlreichen Anbietern erhält man diese Information jedoch erst auf Nachfrage oder mit zeitlicher Verzögerung im Jahresbericht.

Wenig anders gestaltet sich die Thematik bei ETF-Anbietern, die mittlerweile rund drei Billionen Dollar weltweit verwalten. Wie mächtig sie sind, zeigt der Fall Apple. Der Konzern befindet sich zu mehr als zwölf Prozent im Besitz der drei grössten ETF-Anbieter State Street, Vanguard und BlackRock. Damit haben sie ein wichtiges Mitspracherecht, doch Kritiker werfen ihnen vor, dieses nicht zu nutzen. Einige argumentieren, dass die Stimmenthaltung nur konsequent sei, schliesslich seien ETF ja passive Produkte.

US-Milliardär Charles Munger sieht das völlig anders: «Indexfonds sind dauerhafte Aktienbesitzer. Das gibt ihnen eine Macht, die sie nicht richtig nutzen.» Ins selbe Horn stösst Branchenprimus BlackRock, der dieser Aufgabe durchaus nachkommt. Der Anbieter betont, die aktive Einflussnahme mache umso mehr Sinn, wenn man Folgendes bedenkt: Anders als Fondsverwalter könnten sie ihre Aktien gar nicht verkaufen, selbst wenn sie mit der Strategie oder Führung eines Unternehmens nicht einverstanden sind. Schliesslich folgen sie dem Index eins zu eins.

Auch Vanguard nutzt seine Rechte. Mit eigenen Corporate-Governance-Richtlinien und Teams, die sie unter die Lupe nehmen, versuchen Vanguard und BlackRock, ungünstige Entwicklungen möglichst früh zu verhindern. Beide publizieren ihre Entscheide auf ihren Webseiten. Die UBS und der französische Anbieter Amundi nehmen ihre Stimmrechte ebenfalls wahr. Amundi veröffentlicht die Ergebnisse zweimal jährlich, die UBS jedoch nicht.

Die Stimmrechtsberater

Längst nicht alle Fondsgesellschaften sind in der Lage, sämtliche Stimmrechtsentscheide selbst zu fällen. Sie haben zu wenige Ressourcen, um sich selbst ein umfassendes Bild über die Geschäftslage und Strategie zu machen. Aus diesem Grund ziehen sie zusätzlich zum eigenen Research andere Quellen zu Rate. Das macht auch Sinn, sehen doch vier Augen mehr als zwei. Doch das spielt auch einem neuem Player in die Hände, den Stimmrechtsberatern, sogenannten Proxy Advisors. Ihre Aufgabe besteht nicht nur darin, Fragen der Governance zu klären, sondern auch Umwelt- und soziale Aspekte zu berücksichtigen. Zudem arbeiten sie Abstimmungsvorschläge aus und bewerten die Kandidaten, die für den Verwaltungsrat vorgeschlagen wurden.

Platzhirsch in dem Geschäft ist der US-Stimmrechtsberater Institutional Shareholder Services, kurz ISS, der rund 38 000 Unternehmen in 115 Ländern analysiert. Laut dem Beitrag «Zukunftsfragen der Corporate Governance» des Max-Planck-Instituts berät ISS 70 der 100 grössten Vermögensverwalter und 43 der 50 grössten Investmentfonds. Zu den Kunden der Proxy Advisor zählen unter anderem die Deutsche Asset Management, Union Invest, Fidelity und Allianz Global Advisors.

Auch Swisscanto nutzte früher die Beratungen und Analysen und kommunizierte dies offen. Heute- gibt es seitens der Zürcher Kantonalbank keine Stellungnahme, ob solche Beratungen genutzt werden. Bei UBS ist der Rückgriff auf solche Dienste eine seltene Ausnahme und kommt höchstens bei kleinen Beteiligungen vor. Ebenso nutzen BlackRock oder Vanguard diese Dienstleistungen.

 

Tab-Brennpunkt-02-2016

Gefährlicher Nebeneffekt

Die Macht der ISS ist gross: Rund 60 Prozent der Beratungen gehen auf ihr Konto. Michael S. Piwowas, Kommissar des US- Regulierers SEC zieht Parallelen zur Situation der Ratingagenturen vor der Krise. Wie damals sieht er ein «ungesundes Übervertrauen» in die Empfehlungen der Experten. Man könnte anmerken, dass die Gesellschaften eigene Research-Abteilungen haben und den Urteilen widersprechen könnten. Aber der Chor ist oft einstimmig, zeigt ein Artikel der Frankfurter Allgemeinen Zeitung. Demzufolge liegen die Abweichungen bei zehn bis maximal 15 Prozent.

Diese Konzentration birgt Gefahren. Wenn ein einziges Unternehmen eine Vielzahl an Aktiengesellschaften analysiert und diese Analysen wiederum an einen Grossteil der Stimmrechtinhaber weitergibt, ist Eindimensionalität vorprogrammiert. Was, wenn ISS falsch liegt, aber die Kunden diese Anweisungen im Chor befolgen? Diversifikation, die wichtigste Regel jeder Geldanlage, wird hier stark vernachlässigt. Und wenn sich die Berater gar untereinander absprechen? Auf diesem Weg hätten sie die Möglichkeit, Vorlagen zu kippen oder durchzuwinken.

Dem nicht genug sind Interessenkonflikte an der Tagesordnung: So beraten die Stimmrechtsberater einerseits Firmen und kassieren dafür Honorare. Auf der anderen Seite geben sie zu denselben Unternehmen Abstimmungsempfehlungen ab. Was die Folgen sind, kann nur erahnt werden. Christophe Volonté und Simon Zaby von der Universität Basel schreiben in ihrem Beitrag «Stimmrechtsberatung. Eine kritische Betrachtung» zusammenfassend: «Nur wenn Entscheide auf den Generalversammlungen von den Aktionären fundiert getragen werden, können negativen Folgen für die Volkswirtschaft als Ganzes entgegengewirkt werden.»

Doch wenn sich die grossen Aktionäre alle auf das Urteil von ein paar wenigen Beratungsunternehmen verlassen, kann man das schlecht «fundiert getragen» nennen. Und dann ist der Schaden womöglich sogar grösser, als wenn die Stimmrechte gar nicht ausgeübt worden wären.


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  1. Felix

    Das ist auch das Problem. Alle vertrauen nahezu blind auf die Einschätzungen von vermeintlich renommierten Beratungsunternehmen. Danke für den Artikel, echt lesenswert! LG Feli

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