Kolumne
Adriel Jost  Head of Economics bei Wellershoff & Partners

Zentralbanken und das Pippi-Langstrumpf-Prinzip

Das Pippi-Langstrumpf-Prinzip: Der Ökonom Adriel Jost schreibt über das Verhalten der Zentralbanken.

Text: Adriel Jost

Ich mach mir die Welt, widdewidde wie sie mir gefällt.» So wie Pippi Langstrumpf halten es derzeit auch viele Zentralbanken. Beispiele dafür gibt es aus aller Welt. So versucht die US-Notenbank glaubhaft zu machen, sie sei unabhängig von den häufig sehr kurzfristig ausgerichteten Politikern. Eine von der Politik abhängige Zentralbank hätte sich seit Ausbruch der letzten Finanzkrise aber kaum kurzfristiger verhalten können.

Ein anderes Beispiel ist die Schweiz. Hier betont die Schweizerische Nationalbank die Wichtigkeit der Zinsdifferenz zwischen dem Ausland und der Schweiz für den Wechselkurs. Sie will damit den Franken schwächen. Nur schade, dass es für diesen Zusammenhang kaum empirische Belege gibt. Häufig wenden Zentralbanken das Pippi-Langstrumpf-Prinzip auch an, wenn es um die selbst gesteckten Ziele geht. In der Eurozone erwartete beispielsweise die EZB noch letzten September, dass sich die Kerninflation innerhalb von zwei Jahren fast verdoppeln würde. Dies obwohl sich diese seit Jahren relativ konstant um ein Prozent bewegte.

Die Prognose schien schon damals unglaubwürdig. Selbst in Deutschland stieg die Inflation trotz mehrerer Jahre mit starkem Wachstum und Arbeitslosigkeit auf Tiefstwerten nur sehr moderat an. Trotzdem hielt die EZB an ihren Prognosen fest. Warum? Mit einiger Verspätung plante die EZB damals die Normalisierung ihrer Geldpolitik. Um sie zu rechtfertigen, musste sich die Kerninflation gemäss ihrer eigener Ansprüche rasch beschleunigen.

Mittlerweile wissen wir: Die EZB lag falsch. Die Kerninflation bewegte sich im aktuellen Jahr erneut um dieses eine Prozent und somit deutlich tiefer als erwartet. Dass alleine die dafür seither eingetretene Konjunkturschwäche für die tiefere Inflation verantwortlich ist, glaubt man vermutlich nicht mal bei der EZB.

Auf alle Fälle wurde die Normalisierung der Geldpolitik vorläufig vertagt. Auch in Japan hat sich in den vergangenen Jahren immer wieder gezeigt, dass sich Inflation nicht herbeireden lässt. Mit erstaunlicher Beharrlichkeit versucht die japanische Zentralbank es trotzdem weiterhin. So enthält ihr aktueller Ausblick weiterhin die Erwartung, dass sich die Inflation über den Prognosehorizont dem 2%-Ziel annähern wird.

Welche Schlussfolgerungen lassen sich aus dem Pippi-Langstrumpf-Verhalten der Zentralbanken ziehen? Für den Anleger gilt es einerseits, die Kommunikation der Zentralbanken nicht immer für bare Münze zu nehmen, sondern die Lage selbst einzuschätzen. Andererseits müssen Anleger damit rechnen, dass die Zentralbanken die Wunschwelt nicht nur herbeizureden versuchen, sondern auch alle möglichen Massnahmen ergreifen werden, um die Welt so zu machen, wie sie ihnen gefällt.

Das eigentlich absurde Fine Tuning der Wirtschaft – wie soll eine Zentralbank die (Preis-) entscheide von Millionen von Konsumenten und Unternehmen auf die Kommastelle bestimmen können – wird vorerst also kaum ein Ende nehmen. Da die Zentralbanken gleichzeitig in ihrer kurzfristigen Orientierung Politikern in nichts nachstehen und jede Wachstumsabschwächung bekämpfen, wird uns eine aktive Geldpolitik erhalten bleiben.

*Adriel Jost ist Head of Economics bei Wellershoff & Partners


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