Indexwissen ist unverzichtbar

Nicht nur die Anzahl der ETF steigt rasant, ebenso die weltweit verfügbaren Indizes. Für fast jedes Segment wird inzwischen ein Stimmungsbarometer feil geboten. Im Zuge dessen haben Indexanlagen markant an Bedeutung gewonnen, obwohl einige am Ziel vorbeischiessen.

Text: Rino Borini
2011-09-Titelgeschichte

Indexiertes Anlegen ist keine neuzeitliche Erscheinung. Seit vielen Jahrzehnten sind «Indexierer», also passive Anlagestrategien verwaltende Portfoliomanager, am Werk. Auch Banken bieten seit mehreren Jahren unterschiedlichste Indexprodukte an. Die Basis bildet die zugrundeliegende Benchmark, die möglichst 1:1 abgebildet werden soll.

Vor einem Investitionsentscheid sollten Anleger die Zusammensetzung und Methodik studieren. Denn nicht das Anlageprodukt definiert das Rendite-/Risikoprofil, sondern die im Index enthaltenen Komponenten. Die Anforderung an den Index ist eine möglichst perfekte Abbildung des gewünschten Marktsegments. Das ist heutzutage gar nicht mehr so einfach. Mit dem weltweiten Erfolg der Exchange Traded Funds sind immer neue Indizes kreiert worden.

Der europaweit führende Indexanbieter Stoxx hat 3700 Indizes im Sortiment, Dow Jones Indexes bietet gar über deren 130 000. Kein Wunder, denn die Investoren suchen immer wieder neue Renditequellen, oder aber die Industrie schafft neue Indizes und Produkte, die nicht zwingend Investoren suchen, nach dem Motto: Angebot schafft Nachfrage. So können Anleger in jeder Anlagekategorie ein passendes Indexprodukt finden, aber auch innerhalb einer Vermögensklasse ganz gezielt Sektoren und Strategien umsetzen. Mittlerweile kann fast jedes Anlagethema «gespielt» werden.

Nicht jeder Index macht Sinn

Sowohl die Produktanbieter wie auch die Indexfirmen haben ein Interesse an neuen Stimmungsbarometern. Für die Indexanbieter ist es ein gutes Geschäft. Ein Produktanbieter zahlt dem Indexprovider für die Abbildungsrechte eine Lizenzgebühr. Diese Kosten könnten einer der Gründe sein, warum der weltweit führende ETF-Anbieter iShares künftig selbst Indizes berechnen will. Damit könnten die eigenen Kosten deutlich reduziert werden. Denn die Höhe dieser Komponente schwankt zwischen einigen wenigen und – bei sehr speziellen Indizes – 25 Basispunkten.

Es ist natürlich keine Novität, wenn Indexfondsanbieter eigene Messlatten berechnen. Auch Anleger rennen gerne neuen verheissungsvollen Anlagethemen nach. Doch nicht alles, was glänzt, macht in einem gesamtheitlichen Portfoliokontext auch wirklich Sinn. Im Vordergrund muss nach wie vor ein seriöser Investitionsgedanke stehen. Ob beispielsweise ein Formel1Index wirk­lich Sinn macht, sei dahingestellt.

Klar ist, dass thematische wie auch alternative In­dexkonzepte die Nachfrage in den letzten Jahren haben steigen lassen. Jamie Farmer, Manager bei Dow Jones Indexes, ergänzt: «Als Reaktion auf die hohe Volatilität der Märkte in diesem Jahr halten Anleger ins­besondere nach Indizes Ausschau, bei de­nen sich das Risiko im Vorhinein abgren­zen lässt.»

Transparenz und klare Regeln

Egal, für welchen Markt sich ein Investor inte­ressiert, sobald sein Entscheid auf ein Indexprodukt fällt, muss er sich zwingend mit dem zugrundeliegenden Basiswert auseinandersetzen. Ein guter Index zeich­net sich durch ein klares und transparen­tes Regelwerk aus. Verfügt ein Index nicht über ein solches oder ist er nicht regel­basiert aufgestellt, dann Hände weg. In einem Indexregelwerk sind wichtige In­formationen wie Indexcharakteristika, Ti­telselektion, Berechnungsmethoden oder die Indexüberprüfung definiert.

In diesem Zusammenhang gilt es, dem Auswahlver­fahren Beachtung zu schenken: Wie wer­den die Indexkomponenten ausgewählt? Nur mit vertieften Indexkenntnissen las­sen sich die effektiven Rendite/Risikocha­rakteristiken feststellen.

In einem nächsten Schritt geht es dar­um, ob ein Barometer als Kurs- oder Per­formanceindex ausgelegt ist. Dies ist inso­fern relevant, als damit von Anfang an klar ist, was mit den ausgezahlten Erträgen wie beispielsweise Dividenden geschieht. Sie spielen eine erhebliche Rolle für die Ren­dite eines Investors. Historisch betrachtet stammt nämlich rund die Hälfte des Ge­samtertrags einer Aktieninvestition aus den Dividenden. Ein Index, der diese nicht berücksichtigt, wird als Kurs- oder Preisin­dex bezeichnet.

Die Krux der Gewichtung

In der Praxis haben sich verschiedene Berechnungsme­thoden etabliert. Die einfachste Variante ist die Gewichtung der enthaltenen Wert­papiere aufgrund der Aktienkurse. Dabei werden die einzelnen Werte aufsummiert und schliesslich durch die Anzahl der Ak­tien im Index dividiert. Der weltweit be­kannteste Index, der nach dieser Methode funktioniert, ist der Dow Jones Industrial Average. Diese Methode führt automa­tisch zu einer Übergewichtung von Wert­papieren mit hohen Kurswerten. Zudem ist die Aussagekraft beschränkt, denn die Me­thode zeigt die Bedeutung eines Unterneh­mens für den entsprechenden Wirtschafts­raum nicht wirklich.

Diesem Kritikpunkt weicht Dow Jones Indexes nicht aus. Indexspezialist Farmer bringt einen weiteren Aspekt ins Spiel: «Darüber hinaus müssen sich alle Titel zwangsläufig innerhalb einer moderaten Kursspanne bewegen. Eine Aktie, deren Kurs nach oben oder nach unten deutlich von dieser Span­ne abweicht, kann daher nicht in den Index aufgenommen werden, da sie sonst über-oder unterrepräsentiert wäre.»

Dieses Umstands hat sich der Indexan­bieter Dow Jones angenommen. Die kürz­lich lancierten US-Pendants für Europa und Asien, Europe Dow und Asia Dow, werden mit dem Gleichgewichts-Prinzip berechnet. Bei diesem Verfahren werden die einzelnen Indexkomponenten gleichgewichtet im In­dex repräsentiert und in regelmässigen Ab­ständen angepasst. «Eine Preisgewichtung wäre für diese Indizes problematisch, weil das Kursniveau der Indexmitglieder von Land zu Land variiert. Die Gleichgewich­tung macht jedoch eine jährliche Neuan­passung erforderlich, was einen Anstieg des Portfolioumsatzes zur Folge haben kann», so der Indexspezialist weiter.

Gekappter Index

Die meisten verfüg­baren Indizes wenden eine Gewichtung nach Marktkapitalisierung an. Damit wird die Aussagekraft eines im Index enthalte­nen Wertes auf das abgebildete Segment klarer. Hierbei werden die Aktienkurse mit der Anzahl der im Markt verfügbaren Ak­tien (Free Float) multipliziert und zur Be­stimmung der Gewichtung genutzt. Dieses Indexprinzip bringt mit sich, dass in Haus­semärkten boomende Aktien stärker ge­wichtet werden als Titel, die sich noch nicht so stark entwickelt haben.

Die Folge davon ist, dass der Anstieg eines Index auf einer kleineren Zahl bereits teurer Titel basiert, während günstige Aktien immer weiter zu­rück fallen. Auch das Risiko konzentriert sich auf Einzelwerte, was in einer Abwärts­bewegung negativ wirkt. Marktkapitalisier­te Indizes sind aber das beste Abbild der Li­quiditätssituation auf einem Markt.

Aus dem oben erwähnten Grund haben Anbieter «gekappte» Barometer einge­führt. In einem solchen Kons­trukt werden bestimmte Ma­ximalgewichtungen toleriert. Übersteigt ein Wert nun die­ses Maximalgewicht, wird er zurückgesetzt. Ein gutes Bei­spiel hierzulande ist der Swiss-LeaderIndex (SLI). Dieser in­vestiert in die 30 liquidesten und grössten Unternehmen im Schweizer Aktienmarkt. Das In­dexgewicht der vier grösstka­pitalisierten Titel ist mit jeweils 9 Prozent gekappt, die Indexgewichte der nachfol­genden Titel mit 4,5 Prozent.

Mit Fundamentaldaten zu Mehrwert?

Neben diesen drei klassischen Indexmetho­den versuchen Anbieter immer wieder auch fundamentale Bewertungskriterien einzu­binden. Nicht mehr die Marktkapitalisie­rung soll das Kriterium für die Indexzusam­menstellung sein, sondern fundamentale Unternehmensdaten, die sich beispielswei­se auf Gewinne, Umsätze, Dividenden be­ziehen. Bis jetzt haben sich fundamentale Indizes in der Breite nicht wirklich durch­setzen können. Und auch wenn ein regel­basiertes Verfahren dahinter steht, aktive Entscheide, zumindest beim Modell, wur­den im Vorfeld definiert.

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